Entscheidungen treffen – aber wie?

Entscheidungen treffen – aber wie?

Oder:

Wie man sich das Leben selbst schwer machen kann!

Anfangs der Woche durfte ich ein tolles Seminar einer Facebook Gruppe „Coaches – Wir für uns“ erleben. Es ging um das Thema Entscheidungen und wie sie getroffen werden! Mein erster Impuls war: „Das brauche ich mir nicht angucken! Das mache ich mit links aus dem Bauch heraus!“. Dabei kam ich mir irgendwie überlegen vor.

Tatsächlich entspricht das aber nur einem Teil der Wahrheit! Denn selbst die Entscheidung aus dem Bauch heraus hat einen gewissen Ablauf, bei jedem Menschen.

Dieser Ablauf ist immer gleich!

  • Ich erlange Wissen, dass einige neue Möglichkeiten bietet.
  • Daraus könnte eine neue Erkenntnis entstehen. 
  • Mit der Erkenntnis eröffnen sich mir diese Möglichkeiten für neue Wege. So weit so gut! Eine Entscheidung diese Wege dann auch zu begehen, ist das aber noch lange nicht. 
  • Erst wenn ich dann ins Tun komme und einen der neuen Wege beschreite, ist die Entscheidung tatsächlich getroffen. Und zwar mit allen Konsequenzen.

Zwischen Wissen erlangen und Ins-Tun-kommen liegen allerdings unterschiedlich lange Prozesse.  

Wie rasend schnell ich mich manchmal auf eine Entscheidung einlassen kann, hat einen Geschmack von Arroganz, die bei anderen aneckt. Und auch mit welcher Vehemenz diese Entscheidung dann von mir umgesetzt wird, wirkt manchmal sehr kopflos und überheblich. Es gibt aber auch Menschen, die mich darum beneiden.

An anderer Stelle habe ich durch mein Wissen eine satte Erkenntnis und begreife trotzdem extrem langsam. Denn Manchmal sind Entscheidungen auch abhängig von der Art, wie wir in den Automatismen unseres Enneagramm-Typs gestrickt sind. Ein Mittelweg für mich als 8ter-Enneagrammtyp? Kaum vorstellbar! Aber ich sage niemals nie und übe! Genau an diesem Punkt bin ich extrem langsam mit der Umsetzung meiner Erkenntnisse…

Ich werde versuchen Euch das mal an Erfahrungen aus meinem Leben näher zu erklären. 

Wie Ihr vielleicht schon alle wisst, bin ich ein Kind aus dem Osten. Und zwar eins mit „Fremdsprache“! Ein Dialekt kann das nicht sein, sagt mein Mann. Dann könnte er mich ja verstehen, wenn ich sächsisch rede. Gut darüber könnte man sich jetzt streiten. Aber lassen wir das.

Also meine Muttersprache ist tatsächlich sächsisch. Ein sehr harter und unromantischer, schwerer Dialekt der deutschen Sprache, der mir mein Leben als Schulkind zur Hölle gemacht hat. Nein, nicht nur eine Hölle, sondern mehrere! 

Das führte zu sehr schnellen und schwerwiegenden Entscheidungen in meiner Kindheit, die sich bis in die Lebensmitte auswirkten.

Habe ich erst mal einen Weg eingeschlagen, geht nur ganz oder gar nicht.

Ohne meine Beschäftigung mit dem Enneagramm oder dem werteorientierten systemischen Coaching, einigen Sitzungen bei einer sehr guten Heilpraxis, wäre ich wohl nie dahinter gekommen. Ich weiß jetzt, dass mir meine Entscheidungen manchmal das Leben zu Hölle machen.

Ich beneide jeden, der seinen Kopf und gleich noch das Herz VOR solchen Entscheidungen einschalten kann!

Ich musste das erst verstehen, bevor ich eine mildere Entscheidung in Bezug auf meine Herkunft treffen konnte. Heute zeige ich meine sächsischen Wurzeln. Heute lernt mein Kind durch das Erzählen meiner Geschichte von mir, dass Entscheidungen wichtig sind. Allerdings lernt sie dadurch auch, dass Entscheidungen nicht unumstößlich sind.

Wollt Ihr lesen, wie es zur Negierung meiner Wurzeln kommen konnte?

Durch meinen starken Dialekt in meiner Kindheit habe ich heftige Erfahrungen gemacht. Ich beschreibe sie mal, damit Ihr ein Bild davon bekommt, warum ich die eine oder andere glasklare und unumstößliche Entscheidungen bezüglich meiner Herkunft getroffen und verinnerlicht habe.

Kurzfassung meiner Sächsisch-Höllen:

1. Hölle meiner Kindheit aufgrund meines sächsischen Dialekts:

Du sollst in der Schule schreiben lernen. Schreiben lernen ist heutzutage ganz gut untersucht, so dass Du in den ersten Klassen der Schule Lautschrift schreiben darfst. Sprache entwickelt sich ja nicht schlagartig zum Schuleintritt in die allgemeingültig, verständliche Richtung.

Das gab es in der DDR nicht!!!

Nein, wir mussten gleich wissen, dass die Wörter Kirche und Kirsche unterschiedliche Schreibweisen haben. Auch den nicht zu hörenden Unterschied zwischen D und T, sowie G und K, P und B, sowie SCH und CH sollte ich in der Schreibweise unterscheiden. Wie sollte das denn gehen? In meiner Muttersprache wurde so ziemlich jedes gleichklingende Konsonantenpärchen gleich gesprochen! Von Unterschieden zwischen ch, sch und anderen verwirrenden Dingen will ich gar nicht erst sprechen!

Ein Beispielsatz zur Verdeutlichung: Am Sonndag geh isch mid m Baba in de Gürsche! 

Ergebnis: Einser Zeugnis mit einer 4 in Deutsch!

2. Hölle meiner Kindheit aufgrund meines sächsischen Dialekts:

Du kommst in ein Bundesland mit einem völlig anderem Dialekt. Dort wohnen Kinder, die den dort ansässigen Dialekt sprechen und zwar ausschließlich! Sogar Erwachsene, die es besser wissen müssten! So kam es mir damals tatsächlich vor. Du wirst bei jedem Wort komisch angeschaut, ausgelacht und manchmal sogar beschimpft. Von Erwachsenen!

Man, ich war elf Jahre alt. Ich bin in einem Staat aufgewachsen, der versucht hat mir zu erklären, die Welt bestünde nur aus der DDR. Woher sollte ich wissen, dass ich Hochdeutsch hätte lernen müssen, bevor ich in den goldenen Westen „verschleppt“ wurde. Abgesehen davon, wer hätte es mir beibringen sollen? Russisch kann ich immer noch. Dafür gab es Lehrer. Hochdeutsch sprach bei mir gerade mal die Mathelehrerin. Ausgerechnet!

Ergebnis: Kompletter Verlust des eigenen Selbstwertes!!!

3. Hölle meiner Kindheit aufgrund meines sächsischen Dialekts:

Neue völlig unbekannte Wörter! Jeder wusste, was gemeint war, außer ich. Eine Coke… (WTF), ein Tempo… (wie soll jemandem eine Geschwindigkeit beim Naseputzen helfen?), ein Bfannguchen war plötzlich ein Berliner. Ich konnte nicht begreifen, warum man sich beim Bäcker einen Berliner holen wollte. Menschenhandel? Seltsam dieses Völkchen.

Auch Dinge, die ich mein Leben lang benutzt hatte und auch in meiner neuen Heimat schon gesehen hatte, wollte mir keiner geben. Ich verstand nicht, warum die Menschen so geizig waren? Warum wollte mir kein Mensch ein Zellstofftaschentuch geben? Ich wurde angeschaut als wäre ich ein Alien!

Auch die Verkäuferin im Büdchen unseres Schulhofes hat mich aufs übelste beschimpft, weil ich ein Mohrenkopf-Brötchen kaufen wollte. „Ob ich sie verarschen will?“, hat sie mich gefragt. „Verarschen könnt ich meine Oma!“, meinte sie. Dabei wollte ich niemanden verarschen, schon gar nicht meine Oma!

Und wie unhöflich hier jeder zu jedem war. Puh! Da hatte ich noch viel zu lernen. Erst später erfuhr ich, dass das cool sein sollte unnahbar zu sein.

Ergebniss: SCHNELLE Entscheidungen und das Verständnis, dass ich mit meinem Dialekt und meiner Ostdeutschen Art (Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander!) hier nicht klar kommen werde.

Ich entschloss zu lernen! Das schien mir überlebensnotwendig zu sein!

Und ich lernte! Ich lernte schnelle Entscheidungen zu treffen. Impulse wurden sofort umgesetzt!

Ich lernte in Null-Komma-Nix mich ANZUPASSEN, mich zu VERLEUGNEN und meine Wurzeln ABZUHACKEN. Das war lebensnotwendig! Definitiv eine richtige Entscheidung (zumindest zu dieser Zeit). Und zwar eine in Entweder bzw. Oder. Keiner sollte mich je wieder in solche Not bringen aufgrund meiner Sprache, aufgrund meiner Abstammung! Ich wollte kein Ossi sein!

Wie und wo ich QUÄLEND LANGSAME Entscheidungen treffen musste

Okay! Auch dieses Negieren ist ein Problem des 8ter-Enneagramm-Typus. Erinnert ihr Euch? Ganz oder gar nicht?

Was damals richtig war, führte in meinem Erwachsenen-Alter zu immer schlimmeren körperlichen Symptomen. Ich verleugnete immerhin seit meinem elften Lebensjahr wichtige Anteile meiner Selbst.

Was dazu führte, dass ich neben einer Scheidung, mehreren Therapien und einem Burnout auch noch ein Kind verlor. Und das Alles, weil ich irgendwann in meinem jungen Leben eine Entscheidung getroffen habe, die ich mit allen Konsequenzen umgesetzt habe.

Sogar so sehr, dass mein Mann, erst ein halbes Jahr nach dem wir zusammen gekommen waren, von meinen Wurzeln erfuhr. Und zwar ohne Vorsatz! Ich hatte diese Tatsache so negiert, so aus meinem Leben gestrichen, dass ich selbst empfunden hatte ein Kind des Ruhrpotts zu sein.

Bis ich das verstand, gingen einige Jahre und viele Erfahrungen ins Land.

Glücklicher Weise konnte ich das mit Beginn der Enneagramm-Arbeit erkennen und habe angefangen, die Sächsin wieder mehr in mein Leben zu integrieren. Diese Entscheidung ist nicht mehr Impulsgesteuert und beinhaltet viel mehr Bewusstheit. Ich übernehme Verantwortung für mich, in dem ich einen neuen Weg gehe. Stelle mich der Angst vor Ablehnung und Schmerz.

Wie treffe ich nun BEWUSSTE Entscheidungen?

Jedesmal wenn ich mich entscheide sächsisch zu spreche, erkennen ich diesen Teil von mir bewusst an. Ich erkenne auch an, dass damit auch Ablehnung und Schmerz in mein Leben kommen könnten.

Dieses mal allerdings bin ich stärker und ich kann parieren, wenn es nötig ist. Immerhin liegen zwischen dem 11jährigen Ich und dem jetzigen auch fast 33 Jahre, 4 Gesprächstherapien, mehrere Coachings und eine Ausbildung zur Erzieherin, zur Enneagramm-Pädagogin und zur werteorientierten systemischen Coach. Da sollten bewusste Entscheidungen so langsam auch möglich sein.

Und hat nicht jeder Weg, den wir gehen seine schmerzhaften Momente? Auch der, den wir aktuell gehen?

Was meinst Du?

Wovon hängen Deine Entscheidungen ab?

Es ist sicherlich nicht verkehrt seinen Enneagramm-Typen und die damit verbundenen automatischen Stressmuster zu kennen. Wenn Du hinter die Motivationen kommst, die Dich steuern, kannst Du bewusster entscheiden.

Manche Entscheidungen gehen aber auch so automatisch, dass sie ablaufen wie in einem Film. Unser limbisches System hat dann die Steuerung übernommen. Ist bei einer gefährlichen Situation sicherlich auch nicht das Verkehrteste, was uns passieren kann. Oder?

Bewusste Entscheidungen hängen natürlich nicht zu letzt von unserer Erfahrung ab. Wir bewerten Möglichkeiten und versuchen eine Vorhersage zu machen für die Zukunft. Das kann dazu führen, dass wir davor eine gehörige Portion Angst entwickeln. So ein Zelt einer Wahrsagerin löst nicht umsonst Unbehagen in unserem Gefühl aus! Also hängt unsere Bereitschaft Entscheidungen zu treffen auch davon ab, wie wir mit Ängsten umgehen. Manchmal hilft hier ein Trick!

Wenn wir uns das schlimmst mögliche Szenario ausmalen, das unsere Entscheidung zur Folge haben könnte, macht uns das etwas bewusst. Wir sehen plötzlich, dass es immer eine weitere Möglichkeit gibt. Am lustigsten ist das gemeinsam mit Freunden bei einem Spaziergang oder einem Glas Wein Abends auf der Couch! Hier dürft ihr ruhig ein bißchen übertreiben und rumspinnen. Ihr werdet sehen, das Schreckgespenst der Angst verliert immer mehr seine Macht über Euch!

Natürlich kommt es manchmal auch auf die Lebenssituation an. Nicht immer kann man gleich einen Job hinschmeißen und entspannt abwarten, was kommt. Ist eine Entscheidung mal getroffen, ist sie aber auch nicht unumstößlich! Wir haben es in der Hand. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig erscheint, muss nicht auf alles andere übertragen werden.

Vergleich Dich nicht! Du bist einzigartig und wertvoll! Deine Entscheidungen sind Deine und liegen in Deiner Verantwortung!

Wissen ist Macht! Aber es bleibt nur Wissen, wenn Du nicht erkennst, dann verstehst oder begreifst, die Verantwortung dafür übernimmst und dadurch in die Umsetzung kommst!

Ich wünsche Dir deshalb vor allem, dass Du Deine Verantwortung Dir selbst gegenüber verstehst und begreifst, damit Du ins Tun kommst!!!

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